Ein Bauer als emanzipierter Bürger? Analyse einer Viehverstellungsurkunde aus dem spätmittelalterlichen St. Gallen

 Abstract

Die Bauern hatten es schwer im Mittelalter. Die harte Wirklichkeit ihres Lebensalltags und die mannigfachen Einschränkungen und Abhängigkeiten, denen sie unterworfen waren, sind in zahlreichen Quellen und Darstellungen bezeugt. Auch die Bauern im mittelalterlichen St. Gallen stellten in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Im Unterschied zu den reichen Stadtbürgern, welche insbesondere im Spätmittelalter ihre soziale, wirtschaftliche und politische Stellung beträchtlich verbessern konnten, blieben die meisten Bauern gemäss verbreiteter Ansicht nicht von den Krisenerscheinungen des Spätmittelalters verschont und der „mittelalterlichen“ Stände-, Gesellschafts- und Weltordnung unterworfen.

Stimmt jedoch dieses einfach gezeichnete Bild, oder muss die bäuerliche Lebenswelt nicht differenzierter betrachtet werden? Bereits der Begriff des „Bauern im Mittelalter“ beinhaltet grosse Problempunkte, welche sich aufgrund der unzureichenden Eingrenzung und Definition von „Bauer“ und „Mittelalter“ ergeben. Es ist Ziel dieser Arbeit, anhand einer aussagekräftigen Quelle die Lebenswelt eines Individuums, welches einer landwirtschaftlichen Haupttätigkeit nachgeht und somit für die Zwecke dieser Studie als Bauer bezeichnet wird, in einem klar umrissenen Zeitabschnitt zu analysieren und dabei auf interessante Abweichungen vom oben beschriebenen klassischen Narrativ hinzuweisen. Die Viehverstellungsurkunde zwischen Hans Hoegger und Guota Landin aus dem Jahre 1422 bietet hierfür die seltene Gelegenheit, einen konkreten Einzelfall aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts betrachten zu können. In dieser Quelle kommt ein Bauer selbst zu Wort, ein Bauer, welcher zugleich auch Bürger der Stadt St. Gallen ist und sich der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu bedienen weiss, welche die aufstrebende Stadt anbietet. Dass sich also Bauerntum und Bürgertum nicht widersprechen mussten, viel mehr sogar in einer Person vereint sein konnten, dies weist in aller Deutlichkeit auf die Relevanz hin, vorschnelle und vereinfachende Lehrmeinungen zum mittelalterlichen Bauerntum zu hinterfragen. Bereits seit einiger Zeit haben Mediävisten aus verschiedenen Teildisziplinen kritische Neubewertungen des mittelalterlichen Bauerntums vorgenommen und sind mitunter zu wegweisenden Ergebnissen gekommen, auch für den geografischen Raum der hier verwendeten Quelle, der Nord-Ostschweiz. Allerdings weisen viele dieser Historiker auf den weiterhin bestehenden Bedarf an vertiefter Forschung hin, so in den Bereichen der Alltags- und Mentalitätsgeschichte, aber auch eine kritische Neubewertung der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Lehrmeinungen betrachten sie als wichtig und notwendig. Die Möglichkeiten und Grenzen der bäuerlichen Existenz, welche gemäss ihrer Natur und Quellenlage nur schwer fassbar sind, müssen demnach immer neu hinterfragt und das Gesamtbild korrigiert werden, um zu aussagekräftigen und differenzierten Ergebnissen zu gelangen. Mit der vorliegenden Einzelfallbetrachtung soll hierzu ein Beitrag geleistet werden. Die Frage, welche an die Quelle gestellt wird, lautet somit: Welche Möglichkeiten und Grenzen eröffnete die Viehverstellung einem spätmittelalterlichen St. Galler Bauern wie Hans Hoegger in seiner Lebensbewältigung? Methodisch wird diese Frage dadurch bearbeitet, dass zunächst der historische Kontext erläutert und die Quelle kritisch betrachtet und inhaltlich analysiert wird, um dann auf diesen Grundlagen Aussagen zu den Auswirkungen von Kreditwesen und Stadt-Land-Verschränkung auf die Wirtschaftsführung und die Mentalität des Bauern Hoegger machen zu können. Die Theorien der Mentalitätsgeschichte sollen hierfür kurz angesprochen und anschliessend mit wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Entwicklungen verbunden werden. Dabei wird die These vertreten, dass in rein wirtschaftlicher Hinsicht neue Möglichkeiten, aber auch neue Abhängigkeiten geschaffen wurden. Im mentalen Bereich jedoch zeigen sich die Freiheiten einer Emanzipation, welche nicht überbewertet, aber auch nicht vernachlässigt werden darf. Begrifflichkeit und Theorie dieser „Emanzipation“ werden somit im letzten Abschnitt zu klären und zu erläutern sein, um die ganze Tragweite der Viehverstellungsurkunde des Hans Hoegger erfassen zu können.

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Bruhin (2016): Bauern als emanzipierte Bürger – Analyse einer Viehverstellungsurkunde aus dem spätmittelalterlichen St. Gallen. Universität Zürich (Historisches Seminar). Bachelor-Seminar “Geschichte im Archiv”, FS/HS 2016, Dozent: Prof. Dr. Stefan Sonderegger

 

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