Die konfuzianische Konzeption der Staatslegitimität bei Ogyu Sorai – Die Normativität des Faktischen

Abstract

Der japanische Denker Ogyu ̄ Sorai (1666-1728) gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen der japanischen Frühmoderne, der sogenannten Tokugawa-Zeit. Sein Schaffen ist stark geprägt von der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Zeit, der er zuweilen wohlwollend, grösstenteils jedoch kritisch gegenüberstand.

Die Tokugawa-Zeit war geprägt durch die Herrschaft der Samurai, einer Kriegerkaste, die die obersten Ränge der militärischen Exekutive wie auch das Oberhaupt des Staates, die Tokugawa-Shogune, und Teile des dazugehörigen Beamtenapparats stellten. Sorai bescha ̈ftigte sich stark mit den sozialen, politischen und ökonomischen Dimensionen dieses Regimes, das sich durch eine starke Hierarchisierung der Bevölkerung aufgrund dynastischer und meritokratischer Kriterien auszeichnete.

Als konfuzianischer Gelehrter versäumte es Sorai nicht, einen gewissen Einfluss innerhalb der shoguna- len Regierung auszuüben. Nach dem Tod des Kind-Shoguns Ietsugu 1716 und der Sukzession von Shogun Yoshimune, machte sich ein Umschwung in der Politik des Regimes bemerkbar, wodurch Sorai’s Denken Anklang finden konnte. So wurde es ihm ermöglicht als Berater am Hof des Shoguns zu weilen und seine private Akademie, das Ken’en, zu errichten, in der er das Soraigaku, seine eigene konfuzianische Strömung, lehrte und entwickelte. Zu den bedeutendsten Werken Sorai’s gehören der Seidan, seine Abhandlung über das Regieren, sowie der Benmei und der Bend ̄o, seine ”philosophischen Lexikographien“.

Seine ausserordentliche Stellung innerhalb der konfuzianischen Tradition verdankt Sorai seinem Bruch mit der neo-konfuzianischen Konzeption des Politischen, begleitet von einer revolutionären Neudeutung der antiken Lehre des guten Regierens, des sogenannten d ̄ori (The Way). Sein Denken markiert die Abkehr von einer idealistisch-rationalistischen Begründung von Herrschaft durch das Medium der Sprache, und suchte die Begründung der politischen Ordnung in der Faktizität von Institutionen. Dabei verneinte Sorai die Natürlichkeit jeglicher Form menschlicher Kooperation, womit er sich vom Naturalismus der Neo- Konfuzianer distanzierte und eine eigene Variante des Positivismus entwickelte, in der Herrschaft immer “menschengemacht” ist.

Obwohl die Frage nach der Legitimität politischer Autorität von Sorai selbst nie explizit gestellt wird, lässt sich doch ein Grossteil seines Schaffens als eine Rechtfertigung und Reform der shogunalen Herrschaft und dem damit einher gehenden Gesellschaftssystem lesen. Diese Arbeit stellt einen Versuch dar, Sorai’s umfangreiches Werk auf die normative Grundlage politischer Herrschaft hin zu untersuchen. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Herrschaftsform für Sorai die richtige ist, sowie mit welchen Argumenten er für ihre Richtigkeit plädiert. Diese Seminararbeit befasst sich also im Kern mit der Legitimität politischer Autorität, wie sie Sorai konzipierte.

Der Ausgangspunkt für die Untersuchung bildet das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Geschichte, das paradigmatisch für das ganze politische Denken Sorai’s ist. Im Anschluss soll die Gesellschaftsordnung zur Tokugawa-Zeit mit ihrer moralischen und ökonomischen Komponente besprochen werden. Hierbei soll unter anderem die zentrale Stellung des Haushalts für die Gesellschaft als auch für die Legitimation der Herrschaft thematisiert werden. Dabei wird sowohl der Idee des Gemeinwohls und der distributiven Gerechtigkeit, wiederfindbar in Sorai’s Gemeinschaftsfunktionalismus, als auch seinen Reformversuchen ein meritokratisches Korrektiv in die dynastische Herrschaft einzuführen nachgegangen. Zum Abschluss wird auf den unabwendbaren Verfall jeglicher politischer Ordnung durch ökonomische Deregulation eingegangen, womit der Zirkel zur anfänglichen Aporie politischer Herrschaft geschlossen wird. Weil das Denksystem von Sorai enorm komplex ist, wird indes auf eine breitere Einbettung seiner Anschauungen in den intellektuellen Kontext seiner Zeit verzichtet.

Zur Untersuchung der Legitimität richte ich mich nach einer ziemlich neutralen Definition, wonach eine Institution dann legitim ist, wenn das Recht der politischen Autorität, Befehle zu erteilen und Gehorsam einzufordern, gerechtfertigt ist, auf Seiten der Untergebenen also eine begründete Verpflichtung besteht, der Institution Folge zu leisten (Peter, 2014).

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Baumgartner (2015): Die konfuzianische Konzeption der Staatslegitimität bei Ogyu Sorai – Die Normativität des Faktischen. Universität Zürich (Philosophisches Seminar). Seminar “Gerechtigkeit im Konfuzianismus”, FS/HS 15, Dozent: Paulus Kaufmann.

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